- Selma Meerbaum-Eisinger schrieb ihr Gedicht ‘Stille’ mit nur 15 Jahren im Jahr 1939 in Czernowitz – einer Stadt, aus der auch Paul Celan und Rose Ausländer stammen.
- Bereits 1942 wurde sie in ein Arbeitslager deportiert und starb noch im selben Jahr an Typhus – sie wurde nur 18 Jahre alt.
- Ihr handschriftliches Manuskript mit 57 Gedichten überlebte den Krieg durch eine bewegte Geschichte und wurde durch den Journalisten Jürgen Serke wiederentdeckt.
- Das Gedicht ‘Stille’ zeigt eine bemerkenswerte poetische Reife: Eine Jugendliche in ärmsten Verhältnissen erschafft sprachlich eine friedvolle Idylle – mit einer unheimlichen Ahnung von drohendem Unheil.
- Der Text berührt tief, weil er Schönheit und Vergänglichkeit zugleich trägt – das kurze Leben einer aussergewöhnlichen Dichterin.
Manchmal sind es kleine poetische Texte, die einen einen Moment innehalten lassen, um einen tief in der Seele zu berühren und danach fühlt man wieder eine grössere Lebens-Kraft . Die Kraft der Poesie. Eins von diesen wunderbaren Texten ist das Gedicht Stille.
Stille ist ein Gedicht der erst 15- jährigen Jüdin Selma Meerbaum-Eisinger. Sie verfasst es im Herbst 1939 in Czernowitz, dem Ort in der Bukowina, aus dem auch Paul Celan und Rose Ausländer stammen. Bereits im Sommer 1942 wird sie in das Arbeitslager Michailowska deportiert, wo sie am 16.12. an Typhus stirbt.
Dass wir es heute lesen können, verdankt sich einer Odyssee, die das handschriftliche Manuskript – zusammen mit 56 weiteren mit Bleistift geschriebenen Gedichten – während und nach dem zweiten Weltkrieg gemacht hat. Gut nachzulesen in den begleitenden Texten des Herausgebers Jürgen Serke, der mit einer Serie im Stern für die Wiederentdeckung der von den Nationalsozialisten verfolgten deutschen Literatur sorgte.
Stille ist gleichsam ein sprachliches Stillleben. Die Jugendliche Dichterin, selbst in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen – sie lebt mit den Eltern in einer Küche und einem Zimmer ohne fliessendes Wasser, geschweige denn Bad – imaginiert ein aufgeräumtes, mit Wohnaccessoires möbliertes Zimmer, in dem alles am rechten Fleck zu sein und über dem friedliche Stille zu liegen scheint. Nur von Ferne ist ein Hahn zu vernehmen, die Uhr als einziges Geräusch tickt und macht damit die sonstige Stille noch hörbarer.
Eine rote Nelke verströmt ihren süssen Duft und korrespondiert damit mit dem süssen Wein. Eine Idylle – wenn da nicht das Wasserglas wäre. Das wacht, dass keiner lärmt.
Ist die 15- Jährige hier schon so weitsichtig und sieht eine lärmende, todbringende Kriegsmaschine anrollen und das Wasserglas zum erzittern bringen?
Der 2. Weltkrieg ist nicht einmal zwei Monate alt.
Oder ist es nur der Gedanke, wie fragil sich jede Idylle erweisen kann?
Bleibt zu hoffen, dass Selma M. B. In ihrem kurzen Leben auch für sich Momente, die mit Goldstaub angetan sind, erfahren durfte.
Stille
Im Zimmer schwebt die Stille und die Wärme,
ganz wie ein Vogel in durchglühter Luft,
und auf dem schwarzen kleinen Tische
liegt still das Deckchen, dünn und zart wie Duft.
Das Glas mit klarem Wasser, wie ein Traum,
wacht, dass das Glöckchen neben ihm nicht lärme,
und wartet scheinbar auf die kleinen Fische.
Die rote Nelke dämmert in den Raum,
als wäre sie dort Königin.
Die ganze Stille scheint für sie zu sein,
und nur die Flasche mit dem süssen Wein
blinkt still und wie befehlend zu ihr hin.
Sie aber schwebt auf ihrem grünen Stengel,
dünn wie im Kindertraum das Kleid der Engel,
und ihr betäubend süsser Duft lullt ein,
als wollt´ er aus dem Märchenschlaf
Dornröschen rauben.
Die Fenster blicken auf die Strasse und sie glauben,
dass dort sei alles nur für sie getan.
Der Spiegel glänzt und in ihm tickt die Uhr,
ganz weit im fernen Dorfe kräht ein Hahn,
und die Gardinen bändigt eine blaue Schnur.
Die Nelke mit den zarten roten Spitzen
harret des Sonnenstrahls, der durch die Ritzen
Ihr heut ein Kleid aus Goldstaub angetan.
Selma Meerbaum-Eisinger, 24.10.1939
„Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ Selma Meerbaum-Eisinger
Hoffmann und Campe Verlag
Herausgeber: Jürgen Serke
15 Euro
Selma Meerbaum-Eisinger war eine jüdische Dichterin aus Czernowitz in der Bukowina, die bereits mit 15 Jahren bemerkenswerte Gedichte verfasste. Sie wurde 1942 in ein Arbeitslager deportiert und starb am 16. Dezember 1942 an Typhus.
'Stille' ist ein sprachliches Stillleben, in dem die junge Dichterin trotz ärmlicher Lebensumstände eine friedvolle, ruhige Szene imaginiert. Gleichzeitig schwingt eine unterschwellige Ahnung von drohendem Unheil mit – symbolisiert durch ein wachendes Wasserglas.
Das handschriftliche Manuskript mit 57 Bleistiftgedichten überlebte den Zweiten Weltkrieg durch eine bewegte Odyssee. Der Journalist Jürgen Serke sorgte durch eine Serie im 'Stern' für die Wiederentdeckung verfolgter deutschsprachiger Literatur, darunter auch Selmas Werk.
Sie stammt aus Czernowitz, einer Stadt mit einer reichen deutschsprachigen Literaturtradition. Auch Paul Celan und Rose Ausländer kommen aus dieser Region, was Czernowitz zu einem bedeutenden Ort der deutschsprachigen Lyrik macht.
Ihre Gedichte berühren durch ihre poetische Tiefe und Sensibilität, die angesichts ihres jungen Alters und ihrer schwierigen Lebensumstände beeindruckend sind. Sie erinnern an das Schicksal der von den Nationalsozialisten verfolgten Menschen und bewahren eine einzigartige literarische Stimme.