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Ich bin in Sehnsucht eingehüllt – Selma Meerbaum-Eisinger: Ein Gedichtband

Selma-Meerbaum-Eisinger

Manchmal sind es kleine poetische Texte, die einen einen Moment innehalten lassen, um einen tief in der Seele zu berühren und danach fühlt man wieder eine größere Lebens-Kraft . Die Kraft der Poesie. Eins von diesen wunderbaren Texten ist das Gedicht Stille. 

Stille ist ein Gedicht der erst 15- jährigen Jüdin Selma Meerbaum-Eisinger. Sie verfasst es im Herbst 1939 in Czernowitz, dem Ort in der Bukowina, aus dem auch Paul Celan und Rose Ausländer stammen. Bereits im Sommer 1942 wird sie in das Arbeitslager Michailowska deportiert, wo sie am 16.12. an Typhus stirbt.

Dass wir es heute lesen können, verdankt sich einer Odyssee, die das handschriftliche Manuskript – zusammen mit 56 weiteren mit Bleistift geschriebenen Gedichten – während und nach dem zweiten Weltkrieg gemacht hat. Gut nachzulesen in den begleitenden Texten des Herausgebers Jürgen Serke, der mit einer Serie im Stern für die Wiederentdeckung der von den Nationalsozialisten verfolgten deutschen Literatur sorgte.

Stille ist gleichsam ein sprachliches Stillleben. Die Jugendliche Dichterin, selbst in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen – sie lebt mit den Eltern in einer Küche und einem Zimmer ohne fließendes Wasser, geschweige denn Bad – imaginiert ein aufgeräumtes, mit Wohnaccessoires möbliertes Zimmer, in dem alles am rechten Fleck zu sein und über dem friedliche Stille zu liegen scheint. Nur von Ferne ist ein Hahn zu vernehmen, die Uhr als einziges Geräusch tickt und macht damit die sonstige Stille noch hörbarer.

Eine rote Nelke verströmt ihren süßen Duft und korrespondiert damit mit dem süßen Wein. Eine Idylle – wenn da nicht das Wasserglas wäre. Das wacht, dass keiner lärmt.

Ist die 15- Jährige hier schon so weitsichtig und sieht eine lärmende, todbringende Kriegsmaschine anrollen und das Wasserglas zum erzittern bringen?

Der 2. Weltkrieg ist nicht einmal zwei Monate alt.

Oder ist es nur der Gedanke, wie fragil sich jede Idylle erweisen kann?

Bleibt zu hoffen, dass Selma M. B. In ihrem kurzen Leben auch für sich Momente, die mit Goldstaub angetan sind, erfahren durfte.

Stille

Im Zimmer schwebt die Stille und die Wärme,

ganz wie ein Vogel in durchglühter Luft,

und auf dem schwarzen kleinen Tische

liegt still das Deckchen, dünn und zart wie Duft.

Das Glas mit klarem Wasser, wie ein Traum,

wacht, dass das Glöckchen neben ihm nicht lärme,

und wartet scheinbar auf die kleinen Fische.

Die rote Nelke dämmert in den Raum,

als wäre sie dort Königin.

Die ganze Stille scheint für sie zu sein,

und nur die Flasche mit dem süßen Wein

blinkt still und wie befehlend zu ihr hin.

Sie aber schwebt auf ihrem grünen Stengel,

dünn wie im Kindertraum das Kleid der Engel,

und ihr betäubend süßer Duft lullt ein,

als wollt´ er aus dem Märchenschlaf

Dornröschen rauben.

Die Fenster blicken auf die Straße und sie glauben,

daß dort sei alles nur für sie getan.

Der Spiegel glänzt und in ihm tickt die Uhr,

ganz weit im fernen Dorfe kräht ein Hahn,

und die Gardinen bändigt eine blaue Schnur.

Die Nelke mit den zarten roten Spitzen

harret des Sonnenstrahls, der durch die Ritzen

Ihr heut ein Kleid aus Goldstaub angetan.

Selma Meerbaum-Eisinger, 24.10.1939

„Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ Selma Meerbaum-Eisinger

Hoffmann und Campe Verlag

Herausgeber: Jürgen Serke

15 Euro

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