- Der Virologe Hendrick Streeck und der Philosoph Markus Gabriel diskutierten auf der Philcologne über einen sachlichen, undramatischen Umgang mit dem Corona-Virus.
- Streeck betont: steigende Infektionszahlen sind kein Grund zur Panik – die Todeszahlen steigen kaum und die Intensivstationen sind weit entfernt von einer Überlastung.
- Wissenschaft kann keine klaren politischen Handlungsanweisungen liefern – Wertentscheidungen bleiben zwangsläufig der Politik überlassen.
- Gabriel sieht im Virus einen ‘Teilchenbeschleuniger’ für menschliche Irrationalität und eine zunehmende Wissens- und Wahrheitskrise in der Gesellschaft.
- Pragmatisches Fazit: Hygiene einhalten, neue Testmethoden wie Antigen-Schnelltests nutzen und dem Virus mit mehr Gelassenheit begegnen.
“Das Corona-Virus ernst nehmen – aber nicht überdramatisieren!”
Den Auftakt zur diesjährigen Philcologne, die sich vom ursprünglichen Junitermin erfreulicherweise in den September verlegen liess, bildete ein sehr lebendiger Abend mit dem Virologen Hendrick Streeck und dem Philosophen Markus Gabriel, beide von der Universität Bonn. Dieses interdisziplinäre Gespräch tat von Beginn an gut: ausgehend von der markanten These Gabriels, dass Philosophen alles sagen dürfen, Virologen hingegen immer aufpassen müssen, was sie sagen, entstand ein munterer, beidseitig offener Dialog.
So wurde schnell deutlich, dass es nicht die Aufgabe von naturwissenschaftlich arbeitenden Experten sein kann, schlüsselfertige Antworten für politische Entscheidungsträger zu produzieren. Streeck betonte, dass seine Wissenschaft/ Forschung keine Schwarz-Weiss Antworten geben könne. Er beschäftige sich mit der Benennung von Tatsachen im Zuge der Erforschung des Virus, verfüge aber immer nur über Wissen auf Zeit. Es sei insofern ein Trugschluss, daraus klare Handlungsanweisungen für Politik und Gesellschaft ableiten zu können. Gabriel sekundierte an dieser Stelle und spitzte zu: es sei eine bizarre Überforderung, die die Bürger an die Wissenschaft, aber auch an die in Politik und Gesellschaft Verantwortlichen stellten: nämlich immer und sofort auf alles eine Antwort zu haben. Vielmehr sei eine soziale Interpretation des Virusgeschehen eingetreten und letztlich auch unvermeidbar, da für die Verabschiedung von konkreten Massnahmen Wertentscheidungen getroffen werden müssen. Damit ist das Virus politisiert worden.
In dem, am gleichen Tag veröffentlichten, Interview in der WamS „Das Virus geht nicht weg“ plädierte Streeck für einen Strategiewechsel bei der Einschätzung des Virus. Das bekräftigte er nachhaltig an diesem Abend.
Mit seinem aktuellen Wissen zum Virus vertritt er die Auffassung, dass das Virus ernstzunehmen ist, aber auch nicht überdramatisiert werden sollte. Er hält insofern auch die volle Konzentration auf die in der Tat steigenden ( und nach seiner Meinung immer wieder an – aber auch absteigenden) Coronaneuinfektionszahlen für dysfunktional weil angstfördernd. Vielmehr sei es aktuell doch so, dass die Zahl der Positiv getesteten Personen ansteigt, es aber kaum einen signifikanten Anstieg der Todeszahlen gibt.
Auch die zu Beginn der Pandemie genannte Stellschraube im Sinne eines befürchteten Engpasses der stationären oder gar intensivmedizinischen Belegung ist mit derzeit 4 % der Infizierten absolut im grünen Bereich.
Grund für diese doch sehr entspannte Versorgungslage ist die Tatsache, dass sich prozentual viel mehr Jüngere infizieren. In dieser Gruppe sind die Verläufe eher harmlos und die Mortalität gering. Das Durchschnittsalter der bisher an/ mit Corona Verstorbenen ist 81 Jahre. Und ja, es gibt sie: Die immer wieder zitierten jungen Patienten, die zunächst nur leichte Symptome, später aber schwere Lungen -, Herz- oder Gefässschäden haben. Aber das sind Einzelfälle – und weil es Einzelfälle sind, wird darüber auch gern berichtet. Und ein weiterer wichtiger Punkt: das kann Jüngeren auch bei anderen respiratorischen Virusinfektionen passieren – zum Beispiel bei Influenza.
An dieser Stelle machte sich das interdisziplinäre Draufschauen bezahlt: der Philosoph Gabriel konstatierte bei vielen Mitmenschen eine mentale Flucht vor der eigenen Sterblichkeit und eine ungesunde Einstellung zum Lebensrisiko. Unser ganzes Leben sei voller Risiken, die teilweise grotesk fehleingeschätzt würden. So ist das Risiko, von einem Hai angegriffen zu werden, höchst gering. Bienen und Wespen hingegen sind allein jährlich 14.000 Mal in Deutschland der Grund für eine massive medizinische Intervention. Die Angst vor Haien ist aber viel grösser als vor den kleinen Insekten.
Für Gabriel ist das Virus allgemein ein Teilchenbeschleuniger für den Hang zu Irrationalitäten des Menschen. Er konstatiert auch gerade mit Blick auf die sozialen Medien, dass sich Teile der Bevölkerung in einer heftigen Wissens-und Wahrheitskrise befinden. Mit der Abnahme der individuellen Urteilskraft geht der Aufschwung von Ideologien unterschiedlichster Couleur einher.
So kann der Appell lauten: wie bei allen übertragbaren Krankheiten: die liebe alte Hygiene ist wichtig und richtig. Und es muss viel (aus) probiert werden, was geht. Auch in Bereichen, die derzeit noch ziemlich brach liegen. Streeck erhofft sich an der Stelle von den Antigen Tests einiges. Hier gibt es Hersteller, die daran arbeiten, das Ergebnis in 90 Sekunden liefern zu können. Das wäre für Pflegeeinrichtungen mit vulnerablen Personengruppen, aber auch für Grossveranstaltungen ein probates Mittel.
Ganz pragmatisch und ganz unaufgeregt : wir können nicht jede Infektion verhindern, aber das ist auch nicht schlimm. Und wir inzwischen so geschult, dass wir dem Virus deutlich souveräner begegnen können.
Die Referenten im Profil
Hendrik Streeck
Prof. Dr. med. Hendrik Streeck ist Direktor des Instituts für Virologie und Co-Direktor des Zentrums für HIV & AIDS am Universitätsklinikum Bonn. Er absolvierte seine medizinische Ausbildung an der Charité in Berlin und promovierte an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Von 2006-2009 absolvierte er einen Postdoctoral Fellowship am Partner AIDS Research Center und wurde 2009 zum Assistenzprofessor an der Ragon Institute of MGH, MIT und Harvard sowie Assistant Immunologist am Massachusetts General Hospital berufen. Im Jahr 2012 wurde er zum Leiter der Immunologie des US Military HIV Research Program (MHRP) ernannt und war zeitgleich Assistenzprofessor für ‚Emerging Infectious Diseases‘ an der Uniformed Services University of Health Sciences in Washington DC sowie an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health. Im März 2015 folgte er dem Ruf der W3 Professur der Universität Duisburg-Essen und leitete bis 2019 das Institut für HIV-Forschung. 2019 übernahm er die Leitung des Instituts für Virologie sowie des Deutschen Zentrums für HIV & AIDS. Als Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie und wurde er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt für sein Engagement und pragmatische Stimme in der COVID-19 Bekämpfung und Beratung der Bundes- und Landesregierung. Er ist Kuratoriumsvorsitzender der deutschen AIDS Stiftung.
Jürgen Wiebicke
After studying German and philosophy, Jürgen Wiebicke interned with Sender Freies Berlin, where he subsequently worked as an editor and lead editor. Since 1997 he has been working as a freelance journalist and author and moderates “Das philosophische Radio”, the only interactive philosophy programme in German radio, every Friday evening. In 2012 he was awarded the META Media Ethics Award of Stuttgart Media University. 2013 saw publication of his book “Dürfen wir so bleiben, wie wir sind? Gegen die Perfektionierung des Menschen – eine philosophische Intervention”, followed in autumn 2016 by “Zu Fuss durch ein nervöses Land. Auf der Suche nach dem, was uns zusammenhält” an, most recently, “10 Regeln für Demokratieretter”.
Markus Gabriel
Professor Markus Gabriel was born in 1980 and studied in Bonn, Heidelberg, Lisbon and New York. Since 2009, he has been Chair in Epistemology, Modern, and Contemporary Philosophy at the University of Bonn, where he is also Director of the International Centre for Philosophy. He is also Director of the interdisciplinary Center for Science and Thought and a regular guest professor at the Sorbonne (Paris 1). His most recent publications include “I am not a Brain. Philosophy of Mind for the 21st Century” (2017) and a discussion with Matthias Eckoldt in Eckholdt’s book “Kann sich das Bewusstsein bewusst sein?” [“Can Awareness Be Aware?”] (2017).
Streeck plädiert dafür, das Virus ernst zu nehmen, es aber nicht zu überdramatisieren. Er setzt sich für einen Strategiewechsel ein und betont, dass steigende Infektionszahlen nicht automatisch mit steigenden Todeszahlen gleichzusetzen sind.
Wissenschaftliche Erkenntnisse sind immer nur 'Wissen auf Zeit' und liefern keine Schwarz-Weiss-Antworten. Für konkrete Massnahmen sind Wertentscheidungen nötig, die in den Bereich der Politik gehören – nicht der Wissenschaft.
Gabriel sieht das Virus als 'Teilchenbeschleuniger' für Irrationalitäten. Er kritisiert eine mentale Flucht vor der eigenen Sterblichkeit sowie eine zunehmende Wissens- und Wahrheitskrise, die durch soziale Medien verstärkt wird.
Streeck setzt grosse Hoffnung in schnelle Antigen-Tests, deren Ergebnis in etwa 90 Sekunden vorliegen könnte. Diese wären besonders für Pflegeeinrichtungen mit vulnerablen Gruppen und für Grossveranstaltungen hilfreich.
Die Hauptreferenten waren Prof. Dr. Hendrick Streeck, Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, und Prof. Markus Gabriel, Inhaber des Lehrstuhls für Erkenntnistheorie an der Universität Bonn. Moderiert wurde der Abend von Jürgen Wiebicke.