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À votre santé!

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Was hat Paris mit Gesundheit zu tun? Ist es gesund, sich als Reisender ganz untypisch zu verhalten und die klassischen Touristenpfade links liegen zu lassen?

Gesundheit

Den Louvre kenn ich nur von außen
Und den Eiffelturm von unten.
Spaziergang an der Seine, dann in ein Bistro.
Am Tisch hob ich das Glas: Santé!
Mir scheint, ich saß ein weniges zu lang.
Was nach dem achten Glas geschah, bestreite ich.
Das Prison von Paris heißt Santé.

Das lyrische Ich in „Gesundheit“ verhält sich zunächst antitouristisch: den Hotspots und Must seen von Paris wie Louvre und Eiffelturm begegnet es aus sicherer Distanz. Dafür taucht er umso länger in die Bistroszene ein. Mindestens achtmal erhebt er sein Glas zum Trinkspruch Santé. Was danach geschieht, erfahren wir nicht. Der Erzähler distanziert sich davon; offensichtlich ist etwas passiert, dass in der persönlichen Parisbilanz kein Ruhmesblatt darstellt. Die überraschende Assoziation in der letzten Zeile bringt es an den Tag. Es gab/ gibt tatsächlich in Paris ein Stadtgefängnis mit dem Namen La Santé. Ein Name, der für seine Insassen bis in die 1980 – er Jahre das völlige Gegenteil verhieß, in dem dort nämlich Hinrichtungen stattfanden. Wie verhält sich also Santé zu Prison für den Dichter?
Offenbar übermäßiger Genuss, der kein Genuss mehr ist. Verbrauch, der Verschwendung ist. Oder Gewohnheiten, die einen einengen und unfrei machen. Die nichts mehr mit Gesundheit und Wohlbefinden zu tun haben. Oder einen schlimmstenfalls in Lagen bringen, die man lieber vergessen möchte.
Damit hat uns der deutsch-schweizer Lyriker Rainer Brambach einen feinen Einstieg in die Fastenzeit geliefert. Auch jenseits von christlicher Grundierung macht sich die Aufforderung zu Detox in vielfachen Spielarten in den Medien breit. Ernährungs- und Digitaldiäten, Ballast aller Art abwerfen und Entschleunigen werden propagiert.
So weit, so gut. Aber was bringt Verzicht um des Verzichts Willen? Sicher, einige Kilo weniger und mehr Platz im Kleiderschrank sind nicht zu verachten und ganz okay.
Wer für sich persönlich gewinnbringend fasten möchte, kann sich darüber hinaus mit seinem Lebensdrehbuch beschäftigen. Verzicht macht Platz frei – körperlich, geistig und räumlich. Vielleicht gelingt es einem, eine ganz persönliche Fastenchoreographie zu schreiben. Die Kapitel könnten sein:
Innehalten – Rückbesinnung – Justierung – Neubeginn.
Und wer sich (noch) an die großen Feiertage hält: bis Ostern ist noch genügend Zeit!
In dem Sinne: à votre Santé!

Das Gedicht stammt von Rainer Brambach: Geh‘ aus mein Herz – Gedichte über Fernweh und Reiselust, 2019, Diogenes Zürich, S. 154

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